Meine Leidensgeschichte
Im Juli 1987 wurde
ich mit 8 Jahren in die Uniklinik Frankfurt, wegen Verdacht auf (V.a.)
Osteomyelitis (Knochenhautentzündung) beider Außenknöchel und beginnender
Sepsis (Blutvergiftung) eingewiesen.
Es fing
alles damit an, dass ich mal über mehr, mal über weniger Schmerzen „meiner Füße“
klagte. Meine Mutter dachte an Wachstumsschmerzen, oder leichte Prellungen.
Erst als
sie den Eindruck hatte, dass ich immer öfter über stärkere Schmerzen klagte,
stellte sie mich dem Kinderarzt vor. Der konnte sich auch so recht keinen Reim
darauf machen, und überwies mich zum Orthopäden.
Der
diagnostizierte „Wehleidigkeit“ und schickte mich nach Hause.
Mein
Kinderarzt machte sich dann doch wohl noch Sorgen, und stattete mir am gleichen
Abend einen Besuch ab. Die Fiebermessung ergab über 39°C Fieber, weshalb er
mich am selben Tag noch in die Uni Frankfurt schickte.
Dort
stand nach einer Woche fest: Osteomyelitis (Knochenhautentzündung) beider Fußknöchel.
Ich wurde mit Staphylex i.v. (Ein Antibiotikum, dass über die Venen per
Infusion gegeben wird.) und Ruhigstellung meiner Füße behandelt. Nach 8 Wochen
wurde ich mit diesem Antibiotikum in Tablettenform nach Hause entlassen.
Allerdings
durfte ich noch wochenlang nicht laufen oder aufstehen. Danach galt die
Osteomyelitis als ausgeheilt.
Allerdings
entwickelte ich Schmerzen in beiden Fersen, die wohl durch falsche Belastung
entstanden sind.
Die
Schmerzen verschwanden durch mehrwöchige Krankengymnastik.
2 Jahre
später, ich war 11 Jahre alt, bekam ich im Sommer 1989 eine feste Zahnspange.
An
Weihnachten entwickelte ich Schmerzen am Kinn. Erst war der Bereich nur überaus
druckempfindlich, Tage später verspürte ich einen ständigen Schmerz. Die
Zahnspange wurde entfernt, man dachte an eine Metall Unverträglichkeit.
Der
Hauttest am 2.3.1990 beim Hautarzt ergab aber nur eine Unverträglichkeit auf
Quecksilber (II) –amidchlorid, Quecksilber, Zinkchlorid und Cadmium.
Jedoch
wurden die Schmerzen nicht besser, sie waren bald mehr auf der linken
Unterkieferseite lokalisiert, und eine Schwellung, Rötung und Überwärmung der
linken Wange stellte sich ein.
Ich
landete also in einer kieferchirurgischen Praxis in Aschaffenburg, wo auch
gleich ein akuter Abszess (Eiteransammlung in einer Gewebehöhle) diagnostiziert
und operiert wurde. (Dabei wurde im Mund, in der Wangentasche ein kleiner
Schnitt gemacht, damit die Eiteransammlung abfließen kann. Anschließend wurde
dieser zu genäht.) Außerdem bekam ich für ca. eine Woche ein Antibiotikum in
Tablettenform.
Daraufhin
erst mal Besserung.
4-6
Wochen später hatte ich jedoch wieder Schmerzen und eine Schwellung an der
gleichen Stelle.
Wieder
eröffnete der Chirurg einen Abszess, wieder bekam ich Antibiotika, wieder hatte
ich erst mal den Eindruck einer Besserung.
4-6
Wochen später das gleiche. So ging das insgesamt 4 Mal.
Als ich
nach Wochen, mittlerweile Ostern 1990 wieder mit Schmerzen und Schwellung in
seiner Praxis stand, entschloss sich der Chirurg dazu, einen Backenzahn des
linken Unterkiefers bis zur Wurzel aufzubohren, „damit der Eiter ablaufen
kann“, was wir allerdings im Nachhinein nicht bestätigen können.
Einen
Tag später wurde in Allgemeinnarkose der Zahn gezogen, die Wurzel verkürzt,
und der Zahn wieder reimplantiert (wieder eingepflanzt).
Diesmal
hatte ich bis Juni Ruhe.
Als es
dann wieder los ging, überwies mich der Chirurg in die Klinik Aschaffenburg.
Dort
hatte er Belegbetten, und führte dort in Vollnarkose einen ca. 1.5 cm langen
Schnitt an der Außenseite meiner Wange durch, und legte ein kleines Röhrchen
als Drainage (Ablauf) hinein. Auch war mein „wurzelbehandelter Zahn“
gezogen, als ich wieder aus der Vollnarkose erwachte.
Dieses Röhrchen
hatte ich ca. eine Woche, damit wurde ich auch nach Hause entlassen.
Ich kann
mich nicht daran erinnern, dass auch nur ein einziges Mal der Verband um das Röhrchen
herum gewechselt wurde. Der Verband war schmutzig, wobei ich nicht weiß, ob es
Eiter, oder nur Wundflüssigkeit gewesen ist.
Im
August bekam ich wieder Schmerzen, Schwellung, Rötung und Erwärmung, außerdem
erstmals eine Kiefersperre.
Der
Chirurg wies mich endlich am 30.8.1990 nach Frankfurt in die Uni ein, einen Tag
vor meinem 12. Geburtstag.
Aufnahmebefund:
„Schwellung der linken Wange, prall elastisch abgrenzbar, erwärmt, gerötet,
sehr schmerzhaft. Kiefersperre.“
Außerdem
hatte ich leichtes Fieber und mein Blutbild zeigte stark erhöhte Entzündungszeichen.
Nach
verschiedenen Blutuntersuchungen wurde am 20.9.1990
„ein
selektiver funktioneller Defekt der Monozytenfunktion gegenüber speziellen
bakteriellen Antigenen nicht ausgeschlossen“.
Ich
bekam 2 Tage Claforan, Staphylex, und Sobelin gleichzeitig i.v. (über die
Vene). Wegen einer allergischen Reaktion wurde
dies geändert auf Claforan und Vancomycin i.v. für 13 Tage.
Schwellung
und Fieber gingen zurück, ich durfte für 2 Tage übers Wochenende nach Hause.
Es wurde
ein Szinthigramm (Eine Untersuchungsmethode, ähnlich wie beim Röntgen, wobei
eine gering strahlende Substanz vorher gespritzt wird. Diese lagert sich im entzündeten
Gewebe an, und kann durch die Szintigraphie bildlich dargestellt werden.)
durchgeführt mit der Beurteilung:“ Hochgradiger Verdacht auf Osteomyelitis
linker Unterkiefer“.
Ab dem
21.9.1990 bekam ich Erythrocin und Tagacid i.v. Wieder hatte ich eine
allergische Reaktion, wieder wurde die Therapie umgestellt, diesmal auf Tarcocid
i.v.
Eine
Computertomographie ergab: „ein nicht dolenter (schmerzhafter) Tumor im li.
Unterkiefer in einer Größenordnung von ca. 2x 3x 1 cm, nicht verschiebbar,
kaum abgrenzbar und fest mit dem Unterkiefer verbunden.“
Die
Kieferchirurgen entschieden sich zunächst gegen eine Probeentnahme.
Aber in
den folgenden Tagen kam es wieder zu einer Schwellung, Rötung, Erwärmung und
Schmerzen über dem linken Unterkiefer mit Kieferklemme.
Die Entzündungswerte
im Blut stiegen wieder an. Deshalb wurde das Tarcocid am 17.10.1990 abgesetzt
und auf G-Penicillin i.v. umgestellt.
Am
22.10.1990 entschlossen sich die Chirurgen zur Dekortikation (Entfernung, bzw.
Abschälung von zerstörtem
Knochen- und Bindegewebe).
Sie
wurde ab dem 5. Zahn in der linken Wangentasche bis zum Kieferwinkel durchgeführt.
Sequester
(abgestorbenes Gewebe- und Knochenmaterial) und Granulationsgewebe
(Gewebeneubildung durch chronische Entzündung) entfernt und eine Septopalkette
(Kette mit kleinen Antibiotika- abgebenden Kügelchen) eingelegt.
Das
entnommene Material wurde als „zentrales Riesenzellgranulom (knötchenförmige
Neubildung aus Entzündungszellen und Zellen mit vielen Kernen als
Gewebereaktion auf chronisch entzündliche Prozesse) des Kiefers“ befundet.
Am 30.
10.1990 wurden Fäden und Kette entfernt, die Schwellung und die Laborwerte
besserten sich.
Am
3.11.1990 wurde ich mit Isocillin Tabletten nach Hause entlassen, und sollte zu
ambulanten Kontrollterminen erscheinen.
Ich
hatte jedoch trotz der Isocillin Tabletten ca. alle 2 Wochen Symptome und
Schmerzen, ca. 2 Wochen absolute Schmerzfreiheit und keine Symptome, mal 3 Tage
Schmerzen, mal 20 Tage Ruhe.
Deshalb
wurde ich bei einem Kontrolltermin in den Sommerferien 1991 wieder stationär
aufgenommen.
Ich
sollte über vier Wochen wieder Antibiotika über die Vene bekommen, da diese so
oft wirksamer sind, als in Tablettenform.
Die
Chirurgen führten auch nochmals eine Probeentnahme direkt aus dem Knochen
durch, um den Keim nachzuweisen, der für die ständigen Entzündungsschübe
verantwortlich sein könnte. Außerdem könnten dann die Antibiotika direkt auf
den Keim abgestimmt werden.
Da ich
von diesem Krankenhausaufenthalt leider keinen Arztbrief besitze, weiß ich auch
leider nicht, ob die Chirurgen damals einen Keim gefunden haben.
Jedenfalls
lag ich wieder eine Woche in Frankfurt in der Uniklinik. Nach dieser Woche wurde
ich auf den Wunsch meiner Mutter hin nach Aschaffenburg in die Kinderklinik
verlegt.
Ich
musste ja nur wegen der Antibiotika stationär sein, und meine Mutter konnte
mich so besser besuchen kommen. In Aschaffenburg lag ich dann weitere vier
Wochen, und wurde dann wieder mit Antibiotika Tabletten nach Hause entlassen.
Bei einem weiteren Kontrolltermin war wohl ein Backenzahn im linken Unterkiefer
nicht mehr kälteempfindlich. Deshalb wurde dieser unter örtlicher Betäubung
gezogen. Man vermutete, dass er vielleicht der Auslöser für die Entzündungsschübe
sein könnte.
Meine
Entzündungsschübe kamen und gingen aber trotzdem wie bisher. Ich
„behandelte“ meine Schmerzen selbst mit Schmerztabletten.
Ab
17.10.1992 fing ich an, jede Schmerztablette mit Datum und Uhrzeit
aufzuschreiben. Bis zum 14.6.1993 sind das 277 Tabletten!
Am
14.6.1993 hielt ich es vor Schmerzen nicht mehr länger aus, und stellte mich
wieder in der Uni Frankfurt vor.
Aufnahmebefund:
„eingeschränkter Allgemeinzustand, Schwellung linke Wange, Kieferklemme,
Lymphknoten am Hals links vergrößert tastbar. Kein Fieber“, jedoch wieder
deutlich erhöhte Entzündungszeichen im Blut.
Es wurde
also wieder eine i.v. Antibiose mit Staphylex und G-Penicillin begonnen,
wodurch
sich die Blutwerte normalisierten.
Ein
Skelettszintigramm am 14.7.1993 ergab im Vergleich zu der Untersuchung vom
September 1990 „ein bis zum Kiefergelenk ausgedehnter Befund“.
Am
Entlassungstag stiegen die Werte trotz der i.v. Antibiotika an, trotzdem wurde
ich mit Antibiotika in Tablettenform, am 14.7.1993 nach Hause geschickt.
Laut
Arztbrief sollte bei erneuter Verschlechterung „die Antibiose mit Clont
erweitert werden“.
Meine
„Schübe“ kamen und gingen wie bisher.
Bald
darauf war es wieder schlimmer, von den Ärzten bekam ich also Isocillin und
Clont oral verschrieben.
Es blieb
trotzdem alles beim alten.
Ich nahm
also schon ca. 3 Jahre (!) Antibiotika, und trotzdem verschlechterte sich die
Osteomyelitis zusehends. Außerdem hatte ich sämtliche Nebenwirkungen, ich war
müde und schlapp, hatte ständige Durchfälle, ständige Infekte, die lange
dauerten, und mich sehr beeinträchtigten. Mein Immunsystem war durch die
Antibiotika stark beeinträchtigt.
Laut
Packungsbeilage sind während der Einnahme von Clont auch psychische Verhaltensänderungen
beobachtet worden. Auch ich litt seit der Einahme von Clont unter psychischer
Labilität und vermehrten Wutanfällen.
Bei dem
nächsten Kontrolltermin in der kieferchirurgischen Sprechstunde in Frankfurt
sprachen meine Mutter und ich diese ganzen Probleme an. Der Professor riet mir
daraufhin, ich solle wegen dem Durchfall mehr Joghurt essen. Was er zu den
psychischen Nebenwirkungen sagte, möchte ich auf diese Äußerung hin jetzt gar
nicht erst erwähnen.
Ich will
und kann im Nachhinein auch nicht mehr sagen, ob diese Auffälligkeiten von den
Clont Tabletten kamen, oder durch die Pubertät auftraten, oder einfach die
ganze Situation mich zu stark belastete.
Jedenfalls
hatten meine Mutter und ich das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, und außerdem
konnten mir die Kieferchirurgen in Frankfurt, meiner Meinung nach, sowieso nicht
helfen.
Wir
beschlossen also die Behandlung in Frankfurt abzubrechen. Statt dessen gab ich
mich in Behandlung eines Homöopathen in Hanau.
Er
versuchte es monatelang mit pflanzlichten Tabletten, Tinkturen, Eigenblut
Behandlungen, ja sogar mit Magnet-Resonanz-Therapie.
Es half
natürlich auch nicht gegen die Osteomyelitis, aber mein Immunsystem wurde
langsam wieder gestärkt und aufgebaut.
Im April
1994 riet mir mein Hausarzt mich in der Uniklinik Gießen in der Schmerzambulanz
vorzustellen. Er kannte dort die Ärzte, und den ehemaligen kieferchirurgischen
Professor, wobei damals keine Kieferchirurgie mehr in Gießen bestand.
Am
6.5.1994 hatte ich dort einen Termin. Die Ärzte dort waren recht beeindruckt
von meiner Krankengeschichte, wussten so recht aber auch keinen Rat. Sie
versuchten es ebenfalls mit homöopathischen Medikamenten, die aber auch keine
Wirkung auf die Osteomyelitis hatten.
Im Juli
1994 rieten mir die Ärzte aus Gießen, mich doch wieder in einer
Kieferchirurgie vorzustellen.
Am
2.8.1994 stellte ich mich also in der Kieferchirurgie der Uniklinik Mainz vor.
Meine
Mutter und ich waren von den räumlichen und organisatorischen Gegebenheiten
schlichtweg geschockt. Die Patienten mussten auf einer Bank im Flur warten, das
Untersuchungszimmer war ein kleiner Raum mit 3 Zahnarztstühlen, die nur mit
einem niedrigen Regal voneinander getrennt waren. Die Rollos hingen halb
ausgerissen in den Fenstern. Außerdem war im gleichen Raum die „Sekretärin“
oder Krankenschwester am Computer, und überall „flogen“ oder lagen
Krankenakten verstreut. Der Arzt war unfreundlich und zerstreut. Der Patient auf
dem Stuhl neben mir musste gerade eine Behandlung über sich ergehen lassen, es
war laut und unangenehm. Von Sicht- oder Datenschutz, geschweige denn der
Hygiene konnte hier keine Rede sein.
Der Arzt
wollte mich gleich einweisen, und eine weitere Behandlung, ähnlich wie die
Therapie in Frankfurt, zu veranlassen.
Ich muss
jetzt sicherlich nicht mehr erläutern, warum ich dies ablehnte.
Ich
beschloss mit meiner Krankheit und den ständigen Schüben zu leben, und nahm
eben Schmerztabletten, wenn gar nichts mehr ging.
Ich
machte meinen Realschulabschluss, obwohl ich immer viel Unterricht auch wegen
der ständigen Infekte verpasst hatte, und meldete mich sogar auf dem Gymnasium
in Hanau an.
Ich
hatte weiterhin 1-2 mal im Monat Schmerzen, „dicke Backe“ und Kieferklemme
für 1-4
Wochen, aber dazwischen fühlte ich mich gesund.
September
1997 stellte ich mich bei einem Kieferchirurgen vor, der in Frankfurt eine
Praxis hatte. Es bedurfte viel Überredungskünste seitens meiner Eltern und
Freunde, bis ich mich dazu entschlossen hatte, und einen Termin ausmachte. Der
Kieferchirurg wurde mir von meinem Hausarzt empfohlen.
Ich
wollte mir von ihm einfach einen Rat einholen, wie ich weiter vorgehen sollte.
Er war
sehr nett zu mir, und verstand auch, warum ich schon lange nicht mehr wegen
meiner chronischen Osteomyelitis in ärztlicher Behandlung war.
Er
machte ein Röntgenbild von meinem Unterkiefer, und ließ sich die Arztbriefe
aus der Uni Frankfurt schicken.
Er
empfahl mir dringend eine kieferchirurgische Behandlung durchzuführen, da ich
meinen Unterkieferknochen sonst ganz verlieren könnte.
Er
schlug eine antibiotische Therapie vor, operatives Ausräumen des Entzündungsherdes
mit Einlegen einer Septopalkette, und wenn nötig eine chirurgische Entfernung
des befallenen Unterkiefers. Eben alles das, was schon in der Uniklinik durchgeführt
wurde. Da er diese Therapie nicht in seiner Praxis durchführen konnte, wollte
er mich dazu in die Uniklinik nach Mainz überweisen.
Na
prima! Ausgerechnet Mainz! Aber okay, ich hatte eingesehen, dass ich ohne
kieferchirurgische Hilfe meinen Knochen vergessen konnte, und nach Frankfurt in
die Uniklinik wollte ich schon gar nicht.
Weil ich
aber sehr große Angst vor einer erneuten Behandlung und deren wahrscheinlichen
Misserfolg hatte, drückte ich mich ein halbes Jahre lang davor.
Ich
machte einen Termin am 1.4.1998 in der Kieferchirurgie in Mainz aus, und fragte,
ob der Professor an diesem Tag auch sicher für mich Zeit hätte. Da mir dies
von der Sekretärin bejaht wurde, war ich am besagten Termin da, der Professor
natürlich nicht. Ich war also umsonst die ca. 100 km gefahren. Die vorher
beschriebenen räumlichen und organisatorischen Verhältnisse hatten sich
ebenfalls kein bisschen verändert. Wir warteten wieder auf der Bank im Flur.
Weil der Professor nicht da war, sollte ich mich eben einen Tag später bei ihm
vorstellen.
Der
Professor hörte mir, meiner Meinung nach, überhaupt nicht richtig zu. Er fand
es übertrieben gleich den Knochen „rausmachen zu lassen“, und ordnete erst
mal Antibiotika in Form von Sobelin Tabletten an. Meinen Einwurf dahingehend,
dass ich 1. Sobelin nicht vertrage, und 2. Antibiotika höchstwahrscheinlich
nichts bringen würden, da ich sie jahrelang genommen habe, ohne dass sie außer
Durchfall irgendwas gebracht hätten, erstickte er im Keim.
Frei
nach dem Motto: „Ich bin hier der Professor, und wenn es Dir nicht passt,
kannst Du ja gehen.“ Wenigstens sah er dass mit der Sobelin Allergie ein, und
verschrieb Tarivid Tabletten, ebenfalls ein Breitband Antibiotikum. Ich sollte
in einem Monat noch einmal wiederkommen, um zu sehen, wie es bis dahin geholfen
hätte.
Insgesamt
nahm ich diese Tabletten drei ein halb Monate ein, und sie hatten natürlich
keinerlei Wirkung auf meine Erkrankung. Das beeindruckte den Professor
keineswegs, er schlug mir zusätzlich die hyperbare Sauerstoff-Therapie vor.
(Bei
dieser Therapie sitzt man in einer Kammer, in der ein erhöhter Druck erzeugt
wird, und atmet erhöhte Mengen an Sauerstoff über eine Atemmaske ein. Dies
soll eine bessere Durchblutung des Knochens bewirken, wobei dieser dazu angeregt
wird, sich selbst zu heilen, und Wirkstoffe über das Blut besser in den Knochen
gelangen.)
Ich
informierte mich also in Offenbach in einer solchen Kammer, da diese für mich
von der Wegstrecke her gesehen am nächsten war.
Damit
mir die Krankenkasse diese Therapie bezahlen würde, benötigte ich aber noch
eine Bescheinigung vom Professor.
Ich rief
also in Mainz an, und bat um dieses Schreiben für die Krankenkasse.
Es
dauerte ungefähr 4 Wochen und 2-3 weitere Anrufe meinerseits, bis die
Krankenkasse endlich das Schreiben von dem Professor bekam, und diese lehnte natürlich
die Kostenübernahme für die Behandlung ab. Ich bat den Professor ein weiteres,
eindringlicheres Schreiben an die Krankenkasse zu senden, was natürlich nie
dort ankam.
Angesichts
dieser „großartigen“ Hilfsbereitschaft seitens des Professors und der
Krankenkasse, gab ich dann meine Pläne eine weitere Behandlung zu starten auf.
Ich
hatte mein Abitur 1998 in der Tasche, und fing eine Ausbildung zur
Kinderkrankenschwester an.
Meine
Schübe kamen und gingen wie bisher, nur nahm ich immer öfter immer stärkere
Schmerzmittel.
Irgendwann
habe ich dann eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann. Ich musste was
unternehmen.
Meine
Mutter lag mir seit Wochen mit der Uniklinik in Tübingen im Ohr. Sie hatte
einen Bericht über die dortige Kieferchirurgie und den Professor im Fernsehen
gesehen.
Sie
wollte unbedingt, dass ich mich dort vorstellte.
Ich
machte also einen Termin aus.
Am
29.6.2000 stellte ich mich in der kieferchirurgischen Ambulanz in der Tübinger
Uniklinik vor.
Ich erzählte
dem Arzt meine Krankengeschichte, und drängte ihn geradezu mit dem Professor zu
sprechen. Nach meinen „Abenteuern“ in Mainz hatte ich mir ein energischeres
Auftreten angewöhnt!! Nach einer Röntgenaufnahme wurde ich dann dem Professor
vorgestellt.
Ich
konnte es kaum glauben! Der Professor hörte sich in Ruhe meine
Krankengeschichte an. Er fragte mich auch, wie und was ich denn mit meiner
Kieferklemme essen würde! Dafür hatte sich nun wirklich noch nie ein Arzt
interessiert. Er machte sich auch darüber Sorgen, dass man mich im Notfall gar
nicht intubieren (einen Schlauch zur künstlichen Beatmung über den Mund in die
Luftröhre einführen) könne. Ich fühlte mich zum ersten Mal von einem
Kieferchirurgen ernst genommen.
Untersuchungsbefund:
„die Patientin wies ein lokalisiertes submentales Infiltrat (unter dem Kinn
befindliche, ins Gewebe eingedrungene Substanzen oder Flüssigkeit) auf. Es
bestand eine fast vollständige Kieferklemme.“ Im Röntgenbild war „eine
deutliche Verschmälerung des linksseitigen Unterkieferkörpers und -Astes
erkennbar. Die Knochenstruktur wies ein unregelmäßiges Zeichnungsbild mit
unscharf begrenzten hyper- (im Röntgenbild sichtbarer dichter Bereich) und
hypodensen (weniger dichte) Arealen auf. Diese waren auf der linken
Unterkieferseite von Regio 33 (Gebiet vom linken unteren Eckzahn) bis in den
Gelenk- und Muskelfortsatzbereich lokalisiert.“
Er riet
mir dringen, mich in Behandlung zu begeben, da mein Knochen sonst bald vollständig
zerstört sein würde. Zur Behandlung schlug er mir folgendes vor:
1. Eine
Ganzkörperskelettszinigraphie, um herauszufinden, ob sich noch weitere bisher
nicht erkannte osteomyelitische Herde (Gebiete, von denen die Entzündung
ausgeht) im Körper befinden.
2. Durch
diese Szintigraphie könnte man genau bestimmen, wie weit die Osteomyelitis im
Unterkiefer ausgedehnt ist.
3. Man müsste
untersuchen, welche histologische (gewebliche) Variante der chronischen
Osteomyelitis vorliegt.
4. Man müsste
herausfinden, ob es sich um eine bakterielle (durch Bakterien verursachte) oder
um eine aseptische (ohne Keime verursachte) Osteomyelitis handelt.
Danach
sollte über erneute therapeutische Maßnahmen entschieden werden. Bei
bakterieller Osteomyelitis würde nochmals operiert werden, die befallenen
Knochen- und Gewebeanteile herausgenommen, und eine lokale (direkt im Knochen,
z.B. durch eine Antibiotikakette) und systemische (im ganzen Körper wirksam,
z.B. Tabletten) antibiotische Therapie angesetzt werden. Bei einer multifokalen
Osteomyelitis (an verschiedenen Stellen im Körper) könnte eine systemische
Cortison- oder zytostatische Therapie (z.B. eine schwach dosierte Chemotherapie)
angeordnet werden.
Wenn
dies alles nicht helfen sollte, könnte als letzte Möglichkeit der befallene
Unterkiefer herausgenommen, und mikrochirurgisch rekonstruiert werden.
Der
Professor verstand auch meine Ängste im Bezug auf eine erneute Behandlung und
meinte, ich sollte mir in Ruhe darüber Gedanken machen. Wenn ich mich zu einer
Behandlung entschieden hätte, sollte ich mich wieder melden.
Ich überlegte
mir, dass ich vielleicht in der Deutschen Klinik für Diagnostik (DKD) besser
auf andere Entzündungsherde im Körper durchgecheckt werden könnte, und ließ
mir vom Hausarzt eine Überweisung dafür ausstellen.
Diese
schickte ich dann mit sämtlichen Arztbriefen nach Wiesbaden in die DKD, mit
einem Schreiben, dass ich mich gerne dort vorstellen würde.
Danach hörte
ich über eine viertel Jahr lang nichts von der DKD. Als ich dort anrief, sagte
man mir, dass dort kein Brief und keine Arztbriefe von mir angekommen wären,
und ich solle dass ganze nochmals hinschicken.
Also
ging ich wieder zum Hausarzt, um mir erneut eine Überweisung ausstellen zu
lassen. Die Arzthelferin zeigte mir daraufhin einen Brief, den sie in meiner
Akte fand. Darin waren meine Briefe enthalten, die ich eigentlich in die DKD
geschickt hatte, und ein Vordruck von dieser, wo mein Name nur noch per Hand
eingetragen war. Darauf stand in etwa: „Wie mit Frau R. besprochen, empfehlen
wir die Weiterbehandlung in einer kieferchirurgischen Klinik.“
Na toll,
mit mir hatte nie irgendeiner gesprochen. Ich war völlig erstaunt, und ziemlich
verärgert.
Wenn das
ganze mit der DKD so anfing, konnte ich es auch gleich ganz lassen!
Ich
wollte nichts mehr mit irgendeiner Klinik zu tun haben, ich beschloss im Notfall
nach Tübingen zu gehen.
Ostern
2001 war es soweit. Ich war schon seit einer Woche krank geschrieben, lag mit
Fieber und stärksten Schmerzen teilnahmslos auf dem Sofa. Anders als bei den
sonstigen Schüben, war die Schwellung stark gerötet, und mehr unter dem Kinn
auf der rechten(!) Seite. Ich musste alle 4 Stunden 40 Tropfen Tramal (ein stärkeres
Schmerzmittel) nehmen, damit ich überhaupt die Schmerzen ertragen, und etwas
schlafen konnte. Ich stand kurz vor meiner Abschlussprüfung zur
Kinderkrankenschwester. Entweder war es der große Stress und die Angst vor der
Prüfung, oder Zufall. Jedenfalls musste ich was unternehmen. Ich rief also in Tübingen
an, und einen Tag später, am 26.4.2001 fuhr mich mein Vater in die
kieferchirurgische Ambulanz.
Der Arzt
der mich untersuchte war schockiert über meinen Zustand, und wollte mich sofort
dabehalten. Er fürchtete, dass die Entzündung durchbrechen würde.
Ich fuhr
aber auf eigene Verantwortung erst wieder nach Hause, packte meine Tasche,
meldete mich weiter krank, und ließ mich von meiner Mutter am nächsten Tag
hinbringen.
Mein
Zustand machte eine antibiotische Therapie notwendig. Ich bekam also wieder eine
Braunüle (kleiner Plastikschlauch, der in einer Vene liegt, um darüber z.B.
Antibiotika ins Blut laufen zu lassen), Rocefin und Refobacin (Antibiotika)
wurden angeordnet.
Schon am
3. Tag wurden die Schmerzen besser. Ob das allerdings durch die Antibiotika,
oder von alleine kam, kann leider keiner nachweisen.
Ich
wurde geröntgt, hatte eine Ganzkörperszintigraphie, ein MRT
(Magnetresonanztomographie: durch magnetische Felder und ein Kontrastmittel kann
man den Knochen und Gewebe in dünnen Schnitten bildlich darstellen) und eine CT
(Computertomographie: Röntgenstrahlen werden durch den Körper geschickt, der
Computer fängt diese auf, und kann ein genaueres Bild erstellen, als ein Röntgenapparat.)
des Kopfes. Nach 7 Tagen wurde das Refobacin abgesetzt, weil das Medikament
Niere und Gehör schädigen kann. Außerdem war ich an diesem Tag wieder
schmerzfrei. Wir nahmen an, dass die Medikamente anschlugen. Doch leider bekam
ich am 14. Tag wieder eine Schwellung, und 2 Tage später wieder Schmerzen. Die
Ärzte setzten also das Refobacin wieder zusätzlich an, und wollten abwarten,
ob sich was tut. Nach weiteren 5 Tagen setzten sie das Rocefin ab. Da sich die
Schwellung und die Schmerzen allerdings nicht besserten beschlossen sie eine
Knochen- und Gewebeentnahme mit anschließendem Keimnachweis durchzuführen. Am
26. Tag meines Krankenhausaufenthaltes wurde diese OP durchgeführt. Es wurde
lokal betäubt, und ein ca. 1 1/2 cm langer Schnitt an der linken Außenseite am
Kinn gemacht, und entsprechendes Material herausgeschnitten, bzw. –gebohrt.
7 Tage
später war das Ergebnis endlich da: In allen 8 (!) Proben wurde kein einziger
Keim nachgewiesen. Der Professor sprach mit mir darüber, und erklärte mir
auch, dass dies eine weitere OP erforderte. Entweder sind einfach keine Keime
vorhanden, oder unglücklicherweise nicht erwischt worden.
Er
wollte eine größere OP durchführen, die ganze linke Wangenseite von außen
aufschneiden, (so würden die Proben nicht von der natürlichen Mundflora
beeinträchtigt.) weitere Proben entnehmen, und entzündete Knochen- und
Gewebeanteile herausnehmen. Eine Septopalkette wollte er nicht einlegen, da die
Wirkung wohl sehr umstritten ist. Außerdem sollte mein Kiefer maximal
aufgedehnt werden, und ein Beißklotz dazwischen geklemmt werden. Dieser sollte
dann ungefähr ein bis zwei Wochen im Mund bleiben, damit der Mund nicht wieder
zugeht. In dieser Zeit sollte ich über eine Magensonde ernährt werden, da ich
ja mit offenem Mund nicht kauen oder schlucken kann. Wenn der Beißklotz raus
kann, sollte ich mit einem speziellen Gerät meine Mundöffnung trainieren.
Ich
willigte ein.
Am
5.6.2001, am 40. Tag meines Krankenhausaufenthaltes wurde die OP in Vollnarkose
durchgeführt.
Als ich
aufwachte fühlte ich mich besser als erwartet, hatte eine Drainage in der
Wange, und zu meinem Schrecken keine Magensonde. Ich dachte schon, dass diese
einfach vergessen wurde, und stellte mir vor, sie müsste jetzt bei Bewusstsein
gelegt werden.
Doch der
Arzt hatte meinen Kiefer nur auf 2cm aufgedehnt. Nachdem er den Zustand meines
Kieferknochens gesehen hatte, befürchtete er, dass mein Knochen bei weiterer
Aufdehnung brechen könnte.
Ich
konnte so trotz des Klotzes in meinem Mund noch flüssige Nahrung zu mir nehmen,
und einigermaßen verständlich sprechen.
Die
Drainage wurde nach 3 Tagen gezogen, und der Klotz sollte kurzzeitig am 8. Tag
herausgenommen werden. Leider war er so gut angepasst, das es 2 Tage, 2 Ärzte
und hunderte meiner Nerven brauchte, bis er sich vom Fleck bewegte und ich ihn
mir selber heraus zerren konnte. Jetzt war mein Mund zwar 2 cm auf, aber ich
bekam ihn nicht mehr zu! Ich sollte den Klotz sooft es ging herausnehmen, üben
den Mund weiter aufzumachen, und ihn irgendwann wieder zu zumachen. Die Fäden
wurden nach 13 Tagen gezogen. Das Refobacin wurde am 7. Tag nach der OP
abgesetzt, weil natürlich wieder alle Proben keimfrei waren.
Am 54.
Tag wurde ich nach Hause entlassen, und das Röntgenbild von diesem Tag zeigte
leider, das der Knochen doch am unteren Gelenkast, am Gelenkköpfchen gebrochen
war.
Normalerweise
würde ein solcher Bruch durch Zudrahtung der Zähne geschient werden. Die Ärzte
entschieden sich aber dagegen, da durch die Zudrahtung das Ergebnis der
Aufdehnung und die Tortur mit dem Beißklotz zunichte gemacht werden würde. Ich
durfte eben noch einen Monat länger keine harten Sachen essen.
Der
Oberarzt meinte, ich könne jetzt nur noch hoffen, dass der Knochen sich durch
die OP selbst heilen kann.
Ich
hoffte also was das Zeug hielt, und 3 Wochen lang hatte ich das glückliche Gefühl,
endlich gesund zu sein, und übte fleißig mit meinem Mundöffnungstrainer.
Dann
hatte ich meinen ersten Schub nach der OP. Es war eine herbe Enttäuschung für
mich, meine Familie und meine Freunde.
Ich habe
meine Abschlussprüfung zur Kinderkrankenschwester trotz alledem bestanden, und
bin ins Berufsleben eingetreten.
Meine
Schübe kommen ca. 1 mal im Monat für 2-4 Wochen und hören dann wieder von
alleine auf. Die OP war auch nicht ganz umsonst. Immerhin habe ich jetzt weniger
starke Schmerzen, als davor.
Die Ärzte
in Tübingen gehen jetzt davon aus, das ich an einer aseptischen chronischen
Ostitis, bzw. Osteomyelitis leide (Knochen- bzw. Knochenhautentzündung, die
nicht durch Keime verursacht wird, und regelmäßig auftritt). Keiner weiß
genau wie diese entsteht, wodurch ein Schub begünstigt, abgeschwächt, oder am
besten behandelt werden kann.
Ich habe
herausgefunden, dass ein Schub manchmal durch Stress oder Aufregung ausgelöst
wird, oder dann auch schlimmer ist.
Im
Moment „behandle“ ich meine Erkrankung wieder nur mit Schmerztabletten. Wenn
ich Schmerzen habe, nehme ich 1000
mg Paracetamol. Damit versuche ich dann 5-6 Stunden hinzukommen. Glücklicherweise
ist meine Leber noch nicht erkrankt. Aber das macht mir schon große Sorgen.
Irgendwann wird sie durch die ständigen Schmerzmittel angegriffen sein.
Der Arzt
in Tübingen wollte für mich andere Behandlungsmöglichkeiten herausfinden,
indem er sich mit Ärzten aus anderen Fachrichtungen bespricht. Bis jetzt hat er
sich nicht wieder bei mir gemeldet. Falls er dies tut, und davon gehe ich aus,
werde ich auf alle Fälle berichten, wie es weitergeht.
Ich habe
diesen Bericht aufgeschrieben, um anderen, die auch an chronischer Ostitis oder
Osteomyelitis leiden, damit zu zeigen, dass sie nicht alleine mit ihrer
Erkrankung sind.
Die
heutige Medizin hat leider keine adäquate Möglichkeit diese Krankheit zu
therapieren. Ich kann trotzdem nur allen Betroffenen raten, nicht aufzugeben.
Der
Bericht basiert auf Erinnerungen und wenigen Arztbriefen. Ich versuche aber alle
Arztbriefe zu bekommen, und werde dann, wenn nötig den Bericht vervollständigen,
bzw. berichtigen.